Beitrag: Arbeit ist Unsichtbar

Ein Essay zum Museumsbesuch in Steyr von Maximilian Schimke

Die Ausstellung „Arbeit ist unsichtbar. Die bisher nicht erzählte Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Arbeit“ im Museum für Arbeitswelt in Steyr (Oberösterreich) versucht den Lebensinhalt Arbeit in einem neuen Kontext darzustellen. Das Unsichtbare sichtbar zu machen ist das Credo, auf dem diese Ausstellung aufbaut. Hier wird der Versuch unternommen auf alltägliche und subjektive Erfahrungen, Erlebnisse und Gegebenheiten im Arbeitsleben der Menschen einzugehen, das bedeutet auf „all das, was auch mit Arbeit verbunden ist: Motivation, Angst, Statusgewinn, Eigensinn, der Stolz auf Fertigkeiten oder auch das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Kollegenschaft, der Stress und die Überforderung“.  (Misik, Schörkhuber, Welzer 2018: 10).      
Was bespricht ein Minenarbeiter im Kongo in der Mittagspause mit seinen Kollegen? Werden der Ärger auf den Chef aufgrund der neuen Lohnkürzungen, die Wut auf die Politik bezüglich der neuen Kollektivverträge, die Zusammengehörigkeit der Minenmannschaft als Identität in Form von gelebter Rivalität zur Minenmannschaft der Nachbarsfirma oder doch eher die Sicherheit, die ein fester Arbeitsplatz mit sich bringt, zum Gesprächsthema beim Mittagsbrot?
Was fühlt die Reinigungskraft eines Techno Clubs, wie der Grellen Forelle, am Sonntag um fünf Uhr morgens, wenn zwischen Männerpissoir und Frauenklo sämtliche Dämme brechen? Werden diese Schweinerein den besten Freund*innen berichtet? Welche Auswirkungen hat das auf die Beziehungen innerhalb ihrer Partnerschaften? Wieviel der Wahrheit dessen, was zu dieser Zeit und an diesem Ort vor sich geht wird allgemein in der Kolleg*innenschaft besprochen?

Die eben angeführten Beispiele sind Narrative und Fragestellungen, die ich einerseits aus dem Museumsbesuch mitgenommen und andererseits retrospektiv durchdacht und reflektiert habe. Das interessante dabei ist die Tatsache, dass subjektive Gegebenheiten im Alltag der Menschen die Arbeitswelt prägen. So fertigt eine Fließbandarbeiterin täglich dasselbe Produkt, jedoch ist die Führungsetage einer Firma immer auf die Fertigkeit der Improvisation ihrer Mitarbeiter*innen angewiesen. Wie geht die Fließbandarbeiterin mit unvorhergesehenen Problemen bezüglich ihrer Arbeit um und auf welche Art und Weise löst sie die Herausforderung? Die Relevanz der angewandten Improvisation der Menschen in der Arbeitswelt, die täglich prägend und essentiell für die Fertigung von Produkten sowie die Ökonomie im Allgemeinen ist, wird mir nach der Lektüre sowie dem Ausstellungsbesuch auf jeden Fall in Erinnerung bleiben.

Da ich ja in der Gruppe zum Thema „Zeitregime“ am Brunnenmarkt recherchiere und forsche, fand ich persönlich jene Stationen am spannendsten, die sich mit dem Zeitregime befassen. Die Einführung des 8-Stunden Tages oder die 5-Tage Woche als Paradigmenwechsel im wöchentlichen Alltag der arbeitenden Menschen sind zwei Beispiele dafür. Das folgende Foto einer Museumstafel, welches ich vor Ort aufgenommen habe, behandelt den Prozess dieser revolutionären Errungenschaft der Arbeitsbewegung:

Ich bin schon sehr gespannt wie der Alltag der Marktstandler*innen am Brunnenmarkt durch das Zeitregime beeinflusst und bestimmt wird denn gerade auf einem Markt regelt die Zeit doch exakt den Tagesablauf der Menschen von der Abholung der Waren am Großmarkt ab drei Uhr früh bis hin zur täglichen Schließung des Standes inklusive Warenschlichtung und oft -abtransport um circa 19 Uhr, oder?          
Der Text von Robert Misik und Harald Welzer behandelt das Zeitregime als „Synchronisierungsmachine“, die „Arbeiter in einen spezifischen Takt zwingt. Dieses Zeitregime verändert gegenüber dem vorindustriellen so ziemlich alles: von den Schlafzyklen bis zu den Familienformen und ihrer Organisation. Hinzu kommen: Kampf um Arbeitszeit, Differenzierung von Arbeits- und Freizeit, Urlaub, Pause, Lebenszeit und – Lebenserwartung, Rente etc“ (Misik, Schörkhuber, Welzer 2018). Diese Aspekte werde ich bei meiner Feldforschung am Brunnenmarkt berücksichtigen und auf jeden Fall miteinbeziehen.
Abschließend möchte ich noch ein Foto einer Museumstafel anführen, welches ich vor Ort angefertigt habe. Der Text auf der Tafel mit dem Titel „Ausgeblendete Wirklichkeit“ hat mich sehr zum Nachdenken angeregt und ich frage mich wieso der Wert der Moral erst dann für Menschen relevant wird, wenn sie die Auswirkungen der Produkte, die sie fertigen, in visueller und akustischer Realität vorgeführt bekommen?

Text: Maximilian Schimke

Literatur:

Misik, Robert, Christine Schörkhuber, und Harald Welzer, Hrsg. 2018. Arbeit ist unsichtbar: die bisher nicht erzählte Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Arbeit. Wien: Picus Verlag.

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